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Was, wenn überhaupt, wird besser?

Datum: 19.01.2021Quelle: molkerei-industrie

 

 

Der traditionell im Umfeld der Grünen Woche in Berlin vom Milchindustrie-Verband (MIV) organisierte Milchpolitische Frühschoppen wurde am 19. Januar ebenso digital abgehalten wie die IGW. Virtuell, aber deswegen nicht weniger intensiv als sonst wurde über das Thema „Und morgen wird der Milchpreis besser? Agrarpolitik 2023 (GAP 2020)“ diskutiert, wobei sich die über 200 Teilnehmer an ihren PCs mit ihren Fragen und Anmerkungen einbringen konnten.

 

Zu viel Rohstoff

Alle Diskutanten waren sich einig, dass die aktuelle Milchpreissituation für die Milcherzeuger katastrophal ist. Uneinigkeit herrschte allerdings darüber, welcher Weg aus der Misere führen könnte. Ob dies aber überhaupt möglich ist, ob mit schneller Verbesserung der Erlöslage zu rechnen ist, das schien am Ende der Diskussion doch mehr als fraglich. Ein Schlüssel könnte dafür u.U. darin bestehen, die Milcherzeugung insgesamt EU-weit herunterzufahren, vorzugsweise in ohnehin beim Nutztierbesatz überbelegten Regionen oder in Höfen, die zu viele Nutztiere halten. Begleitet werden muss dies aber auch von höherer Wertschöpfung im Markt, die nur Innovation und Vielfalt bringen können.

 

Im Hamsterrad

Johannes Pfaller, der auf dem Podium den BDM vertrat, bezeichnete das Milchmarkt-System als gescheitert. Seit Jahren würden die Landwirte zu 10 bis 15 Cent unter ihren Kosten produzieren. Dies zwinge sie zur Intensivierung, was Folgen für die Umwelt habe, die wiederum staatliche Auflagen nach sich ziehen, die die Kosten weiter steigern. Die Milcherzeuger seien auf der anderen Seite vom Wettbewerb ausgesperrt, denn sobald die Milch den Hof verlässt, haben sie keinen Einfluss mehr auf deren Verwertung. Den Preis der Marktvolatilität trügen nicht Handel, Molkereien oder Verbraucher, sondern allein die Erzeuger, sagte Pfaller, die so zu Restgeldempfängern werden. Pfaller lobte in diesem Zusammenhang die Position des EU-Parlaments, die Marktkorrekturen in Krisenfällen einrichten will. Er sehe Marktwirtschaft darin, Krisen zu verhindern, nicht aber diese zuzulassen und dann Geld auszuschütten, sagte Pfaller.

 

Bonus ja, Malus nein

Prof. Thiele, ife Institut für Ernährungswirtschaft Kiel, hob die positiven Wirkungen einer freiwilligen Lieferbeschränkung gegen Entschädigung hervor, wie sie 2016 in der EU praktiziert worden ist. Der Herauskauf ungünstiger Produktion habe wenig Marktverzerrung bewirkt und einen – schwer messbaren- Preiseffekt bewirkt. Aber die Regelung kam an sich zu spät, die Marktkrise ereignete sich im Frühjahr, erst im Herbst gab es Zahlungen, aber schon Wochen vorher zeigten die Spotmärkte eine Trendwende an. Eine solche Bonus-Regelung werde, so Thiele, immer zu spät erfolgen, denn es gibt keine Frühindikatoren für Marktverwerfungen.

Die vom EU-Parlament geforderte Malus-Regelung, d.h. mehrliefernde Erzeuger werden mit einer Abgabe überzogen, hält Thiele für nicht zielführend. Das Ergebnis sei eine Quote mit etwas verringerter Superabgabe, aber großen Nachteilen für kostengünstig produzierende Betriebe. Außerdem sind zahlreiche Ausnahmetatbestände zu erwarten.

 

Kein Zurück zur Quote

Karsten Schmal, DBV, bezweifelte, dass die Politik für höhere Milchpreise sorgen kann. Die EU-Agrarpolitik habe seit den 90er Jahren eine Öffnung zum Weltmarkt propagiert und die Landwirtschaft in direkte Konkurrenz zu der anderer Kontinente gestellt. Eine Milchmengenbegrenzung der akzeptablen Art, so Schmal, habe Schwälbchen im letzten Jahr betrieben, als das Unternehmen die Bauern bat, weniger anzuliefern – was über ein halbes Jahr lang funktionierte. Der DBV lehnt eine Malus-Regelung ab, ist aber offen für ein Bonus-Modell, staatliche Eingriffe kämen immer zu langsam und seien zu unflexibel, sagte Schmal.

 

Prinzipiell pflichtete dem auch Karl-Heinz Tholen vom BMEL bei. Das Europarlament wolle mit dem Artikel 210 b (Malussystem) die Marktpolitik zurück zu einem Quoten-ähnlichen Zustand führen. Ein Automatismus für Krisenmaßnahmen sei kritisch zu sehen. Der Milchpreis, so Tholen weiter, habe jedenfalls andere Bestimmungsgründe als die Gemeinsame Marktordnung. Diese seien vielmehr im Spiel von Angebot und Nachfrage zu suchen. Auf Sicht besteht noch großes Erzeugungspotenzial in den Schwellenländern. Nicht nur kostenbedingt könne Europa als Mopro-Lieferant für China irgendwann wegfallen. Außerdem ändern sich die Verbraucherpräferenzen, Stichworte sind Ernährungsstil und Klima, so dass vieles gegen eine Steigerung der Milchproduktion hierzulande spricht.

Dies hatte im Prinzip der Hochland-Chef und MIV-Vorsitzende Peter Stahl bereits vorher angesprochen. In der EU gebe es Regionen mit zu intensiver Nutztierhaltung, auch auf einzelnen Höfen seien zu viele Tiere aufgestallt. Bei Neubauten von Ställen dürften keine zu optimistischen Planungsszenarien mehr zugrunde liegen, nötig seien vielmehr Stresstests, die Investitionen auch in Phasen geringer Milchpreise zukunftssicher auslegen.

 

Demos bleiben irrelevant

Der Milchpreis, so Stahl, werde sich nicht bald nach oben bewegen, nur weil Bauern dies fordern. Letztendlich seien Demo- und Blockadeaktionen für Verhandlungen zwischen Molkereien und dem Handel irrelevant. Der Milchpreis in Deutschland bilde sich nicht isoliert, sondern sei wegen des hohen Selbstversorgungsrades von 117% der EU aufgrund der Exportabhängigkeit im internationalen Rahmen zu sehen. Im Export dominieren Commodities, die als austauschbare Produkte im Wettbewerb mit Ware aus Neuseeland oder den USA stehen. Vorwürfen von Bauernseite, wonach Molkereien in den Kontraktgesprächen nicht hart genug gegenüber dem Handel aufträten, wies Stahl mit der Bemerkung von sich, dass die Milchverarbeiter dabei stets Gefahr laufen, Absatzmengen zu verlieren, denn zwei Drittel der Mopro haben noch immer generische Natur. Nicht mehr absetzbare Milchchargen würden dann zu geringeren Erlösen in den Spotmarkt gehen, was am Ende den Milchpreis weiter sinken lassen würde.

 

Den Verbraucher mitnehmen

Bis auf Pfaller waren sich alle Podiumssprecher einig, dass Artikel 148 der GMO nicht zur Anwendung kommen muss. Thiele berichtet über vielfältige Initiativen deutscher Molkereien, Mengen und Preise besser in den Verträgen abzubilden oder Festpreismodelle und Absicherungen zu etablieren. Diese Ansätze sind jedoch sehr unterschiedlich, da sie den jeweils verschiedenen Gegebenheiten vor Ort Rechnung tragen. Schmal sprach sich für eine Verbrauchssteuer aus, die nach dem Konzept der Borchert-Kommission dem Tierwohl zugutekommen sollte; denn die Gesellschaft, stellte der Bauernvertreter fest, sei nicht bereit, höhere Standards an der Ladenkasse zu bezahlen. Neue Auflagen wie Z.B. GVO- oder Glyphosat-frei werden den Molkereien regelmäßig durch den Handel aufokroyiert, fügte Thiele an. Da aber die Verbraucher in Deutschland anders gepolt sind als die in anderen Ländern, entstehen hierdurch  Wettbewerbsverzerrungen. Wer höhere Standards anbietet und diese nicht im EU-Konzert verwässert sehen will, folgerte der Ökonom, müsse also die Verbraucher mitnehmen. Dies soll nun über die neue Branchenkommunikation der Milchwirtschaft erfolgen.

Roland Sossna / moproweb

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