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Fluch oder Segen?

Datum: 2019-07-09 08:00:00Quelle: Akademie Fresenius

Die Blockchain-Technologie, die auf dezentralen und transparenten Datenbankstrukturen basiert, bietet viele neue Möglichkeiten für das Risiko- und Qualitätsmanagement entlang der gesamten Lieferkette in der Lebensmittelproduktion. Am 26. und 27. Juni diskutierten Experten auf der QS-Leiter-Tagung der Akademie Fresenius, wie sich die Blockchain nutzen lässt, um Lebensmittelfälschungen schneller aufzudecken und die Rückverfolgbarkeit aller Rohstoffe und Produkte zu verbessern. Schnell wurde deutlich: Die Blockchain kann viel, am Ende bleibt aber der Mensch in der Verantwortung.

In der Lebensmittelbranche werden Informationen über Waren und Handelsprozesse oft noch auf Papier oder mit Bürosoftware wie Excel-Tabellen dokumentiert und per Email ausgetauscht. So entstehen an unterschiedlichen Punkten der Lieferkette unterschiedliche Versionen der Daten. Das erhöht die Fehleranfälligkeit und erschwert die Rückverfolgung. Die Blockchain kann diese Sicherheitslücken schließen. Alle Beteiligten – Rohstoffproduzenten, Händler, Transporteure, Händler und viele mehr – arbeiten mit demselben Datensatz, der stets für alle Beteiligten auf aktuellem Stand ist. Alle Einträge und Veränderungen sind in Echtzeit nachvollziehbar. Weil die Dokumentation unveränderlich ist, lassen sich Lieferprozesse auch nach langer Zeit detailliert nachvollziehen.

Blockchain in der Lebensmittelindustrie: Vom Hype zum Mainstream?

Die Vorteile der Blockchain verlangen aber ein neues Maß an Offenheit, Transparenz und Zusammenarbeit über Abteilungs- und Unternehmensgrenzen hinweg, wenn Daten unverschlüsselt ausgetauscht werden sollen. Diese Transparenz kann zugleich Fluch wie Segen sein, wie Mark Zeller vom Unternehmen FTRACE, das eine cloudbasierte Rückverfolgbarkeitslösung entwickelt hat, betonte: „Blockchain einzuführen heißt auch, zu reflektieren, welche und wie viele Informationen mein Unternehmen preisgeben kann und will.“ Er hat festgestellt, dass selbst bei weniger sensiblen und politisch unheiklen Daten wie Palettenkontoständen und Tauschtransaktionen Befindlichkeiten existieren können. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass die Technologiewahl nur eine von vielen zu beantwortenden Fragenstellungen und Herausforderungen ist, wenn Daten unternehmensübergreifend ausgetauscht werden sollen.

Digitalisierung der Zettelwirtschaft ist auf vollständige Datensätze angewiesen

Mark Zeller berichtete von einem Pilotprojekt in der Logistik, das das FTRACE-Mutterunternehmen GS1 Germany im Jahr 2018 gemeinsam mit Unternehmen aus Handel, Industrie und Logistik durchgeführt hat. Mit Hilfe der Blockchain-Technologie wurde ein standardisierter digitaler Palettenschein entwickelt. Für die Branche ist das ein Quantensprung, denn heute gehört der Palettenschein auf Papier noch zum Tagesgeschäft eines jeden Lkw-Fahrers. Für Zeller zeigt das Beispiel, wie die traditionelle „Zettelwirtschaft“ effizient digitalisiert werden kann. Das erleichtert nicht nur die Arbeit an der Laderampe und im Backoffice, da die Kontenabstimmung vereinfacht und die Saldenberechnung automatisiert wird. „Das volle Potenzial der Blockchain entfaltet sich aber nur im Zusammenspiel mit anderen Technologien“, betonte Zeller. Zudem hat sich im Projekt gezeigt, dass es eine Notwendigkeit für eine vermittelnde Instanz gibt, die beispielsweise die Ausformulierung von Smart Contracts oder die Aufnahme neuer Netzwerkpartner koordiniert. Außerdem sollte initial der genaue Anwendungsfall analysiert werden, um sicherzustellen, dass die Blockchain-Technologie im konkreten Fall die richtige Technologiewahl ist und einen wirklichen Mehrwert liefern kann. Auch wird die Herausforderung mangelnder Datenqualität nicht durch die Blockchain-Technologie gelöst. „Die Blockchain ist kein Heilmittel für unzureichende Daten“, warnte er. Ohne korrekte und vollständige Datensätze könne auch die Blockchain-Technologie keinen Mehrwert stiften.

Blockchain: Mehr Business-Case als Technologie-Frage

Christian Schultze-Wolters, Geschäftsbereichsleiter für Blockchain Solutions bei IBM Deutschland, rät dazu, bei Start in die Blockchain-Technologie den Business-Nutzen des Projekts genau zu hinterfragen. Viele Projekte drohten zu scheitern, weil sie „mit falschen Erwartungen ins Rennen gegangen“ seien. Blockchain sei nicht die Antwort auf jede Herausforderung. Nur wer in der Lage sei, das eigentliche Business-Problem klar zu definieren, könne am Ende profitieren.

Trotz mancher „Kinderkrankheiten“ sieht Schultze-Wolters die Blockchain auf dem Vormarsch – vor allem in der Lebensmittelbranche, die damit die Möglichkeit der Rückverfolgbarkeit enorm steigern könne: 2019 werde sich Blockchain weiterverbreiten und zum Mainstream werden, beinahe unbemerkt vom Verbraucher. Dazu müssten die Food-Unternehmen die tatsächlichen Stärken der Blockchain erkennen und nutzen: „Vertrauen schaffen, herstellen und branchenübergreifende Plattformen aufbauen“. Nur wer frühzeitig alle relevanten Beteiligten einbeziehe und alle Prozesse gesamtheitlich durchdenke, könne dem tatsächlichen Business-Problem, das Blockchain-Technologie lösen kann, auf den Grund gehen.

Problemfall Lebensmittelfälschung bleibt auf der Tagesordnung für Lebensmittelunternehmen

Mit oder ohne Einsatz der Blockchain bleiben Lebensmittebetrug und Probleme bei der Echtheitsprüfung auch 2019/2020 zentrale Herausforderungen für die Branche. Gips im Mehl, Erdnussschalen im Kreuzkümmel, Hirse in Senfsaat. Die Fälle, in denen Rohstoffe oder Lebensmittel gestreckt, gefälscht oder geschönt werden, nehmen von Jahr zu Jahr zu. „Explodierende Preise auf dem Weltmarkt feuern Betrug an“, beobachtet Andreas Witsch, Leiter des Risikomanagements beim Feinkosthersteller Develey (Unterhaching). So musste sein Unternehmen in den Jahren 2017 und 2018 auf 456 Meldungen über Funde von allergenen Substanzen, Pestiziden oder Schwermetallen in Gewürzen reagieren. Die europäische Gewürzindustrie sei zwar gut organisiert und könne proaktiv auf Vermischungen mit allergenen Substanzen reagieren, meint Andreas Witsch. Sie sei aber keineswegs „frei vom Risiko“.

Pestizidfälschungen nehmen zu

Als neue und zunehmende Gefährdung sieht Andreas Witsch die Fälschung von Pflanzenschutzmitteln. Das Missbrauch-Volumen in der EU schätzt das BVL auf 1,3 Milliarden Euro, weltweit soll es bei sechs Milliarden Euro liegen. Oft ließen sich Pestizidfälschungen gut nachweisen, wenn „unerwartete Wirksamkeit“ auftrete. Allerdings müsse die Sensibilisierung der Landwirt für Probleme durch gefälschte Pflanzenschutzmittel noch vorangetrieben werden.

Fake News: Herausforderung für die Risikokommunikation

Mit den Herausforderungen, die soziale Medien und die schnelle Verbreitung von Falschmeldungen für die Risikokommunikation eines Lebensmittelunternehmens mit sich bringen, beschäftigte sich Ingrid Kiefer von der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Sie sieht die Hauptherausforderungen in der Diskrepanz zwischen Risikokonzepten von Experten und Laien und in dem Misstrauen, dem sich Experten ausgesetzt sähen. Um so wichtiger sei es, die „Unterschiede zwischen Wissen und Nichtwissen“ bewusst zu machen. Das könne die Resistenz der Menschen gegenüber Fake News erhöhen. Sie forderte die Unternehmen dazu auf, wissenschaftliche Unsicherheiten über Risiken in die Kommunikation aufzunehmen und Informationen über neu auftretende Risiken frühzeitig zu publizieren, auch wenn noch Unsicherheiten in der Bewertung bestehen. Wichtig sei zudem, dass „komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse objektiv und fachlich korrekt, aber in einfachen Botschaften kommuniziert werden.“

Moproweb / moproweb

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